Drachenfliegen von Manfred Ullrich, 1998/2007        

Als ich die ersten Drachenflieger sah am Schwarzwaldberg Kandel bei Freiburg, nahe meinem Wohnort, mochte ich kaum hinsehen. Es tat weh, jene fliegen zu sehen und nicht dazu zu gehören. Immerhin war ich schon deutlich über vierzig und meinte, das können nur junge Leute machen.

Eines Tages (Mitte 1984) sagte mein Schwager: "Komm Manfred, wir fahren nach Bremgarten (Militärflugplatz), da ist Tag der offenen Tür". Okay, ich hatte nichts Besonderes zu tun, und so fuhren wir hin. Wir liefen umher und schauten uns die Flugzeuge an - auch manche von innen. Etwa mitten auf dem Platz liefen wir auf einen Stand zu, der so gar nicht zum Übrigen passte: DRACHENFLUGSCHULE DREYECKLAND stand auf einem großen Schild. Weiß der Kuckuck, wie die es geschafft hatten, dort ihren Werbestand aufstellen zu dürfen.

Ich ging hin, guckte erst hier und da und fragte dann den jungen Mann im Stand so Dieses und Jenes. Schließlich fragte ich ihn, ob man das auch erlernen kann, wenn man schon in den Vierzigern ist. "Aber gewiss," sagte er, "wenn man gesund ist." Und so nahm ich mir ein paar Prospekte und ein Anmeldeformular mit nach Hause. Zu Hause füllte ich das Formular für eine Flugschulung gleich aus und schickte es ab.

Bald darauf bekam ich den Termin für den ersten Schulungstag. Es gibt zunächst mal zwei Flugscheine: den L-Schein und den A-Schein. Der L-Schein (Lerner-Schein) ist eine sehr sinnvolle Sache und eigentlich nur dazu da, erstmal ohne eigene Ausrüstung und relativ billig die ersten kleinen Flüge zu erlernen, um auf diese Weise zu erfahren, ob es einem wirklich gefällt und - vor allem! - ob man überhaupt dafür geeignet ist. Denn inzwischen weiß ich: nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung ist ein "Fliegertyp". Und der sollte man unbedingt sein, sonst tut man sich schwer. Und ob man dieser Typ ist, das stellt sich dann beim L-Schein heraus. Weniger als ein Viertel, so sagte mir mein Fluglehrer Roland (ein klasse Typ), macht danach weiter mit dem A-Schein, womit man dann allein und von hohen Bergen starten darf.

Und so begann die Schulung zunächst am Kaiserstuhl, ein kleines Gebirge in der Rheinebene nahe Freiburg. Als erstes lernt man den Drachen sorgfältigst aufzubauen - schließlich hängt das Leben dran. Dann rennt man damit eine leicht geneigte Wiese hinunter, wobei der Drachen nur sich selbst trägt; es geht darum, das Fluggerät richtig zu führen. Dieses ein paarmal, bis man das kann und sich an den Vorgang gewöhnt hat. Dann ging es etwas steiler; nun hob der Drachen den Piloten ab, und man glitt in zwei bis drei Meter Höhe so ungefähr fünfzig Meter weit. Das war im wahrsten Sinn des Wortes ein erhebendes Gefühl. Dieses nun etliche Male; das Schwierigste dabei ist das Ende, also die Landung. Da muss man im richtigen Moment - nicht zu früh und nicht zu spät - den Drachen hinausstoßen, damit die Flügelfläche sich gegen die Luft stellt und so den Drachen bis zum Stillstand abbremst.

Dann ging es weiter noch steiler, noch höher, noch weiter und länger - fünfzehn, dreißig, hundert Meter Höhe. Zwischendrin, ungefähr ab dreißig Meter, lernt man auch das Kurvenfliegen. Kurven fliegt man, indem das Körpergewicht verlagert wird nach links und rechts - entsprechend macht der Drachen eine Kurve. Ein Drachen lässt sich ganz hervoragend steuern. Es gibt doch tatsächlich Zuschauer, die fragen, ob sich ein Drachen steuern lässt - was, um Himmels Willen, stellen die sich denn vor?

Die ersten Tage mit Höhen bis dreißig Meter waren die bei weitem anstrengensten, denn man musste den aufgebauten Drachen immer wieder hochschleppen. Und damals war es sehr heiß (August). Noch nie war ich (nicht nur ich, auch die jüngeren) so fix und fertig. Wer diese Tage übersteht, hat genug Kondition bewiesen. Bei größeren Höhen wird der Drachen unten abgebaut, mit einem Fahrzeug hochgefahren und oben wieder aufgebaut. Diese späteren Tage sind dann viel weniger anstrengend.

Natürlich gab es auch noch Theorie zu lernen, vor allem dann, wenn das Wetter nicht mitmacht. Mit jenen Hundert Meter war dann Schluss mit dem L-Schein und für mich gab es gar keine Frage, dass ich weitermache. Für den A-Schein braucht man eine eigene Ausrüstung (Fluggerät und Gurtzeug - wo man drin liegt), kann man aber auch gegen extra Obulus bei der Flugschule leihen.

Für den A-Schein gab es wieder eine eigene Gruppe von Flugschülern, die sich zusammensetzte aus jenen - jeweils wenigen - L-Schein-Schülern, die sich zum Weitermachen entschlossen hatten. Da gab es dann erstmal noch ein paar hunderter und zweihunderter Flüge. Und dann kam ein Berg mit TAUSEND Meter Höhenunterschied, der Belchen. Die erste Fahrt auf den Berg hoch war schon etwas Besonderes - Kribbeln im Bauch, auch nervös. Oben hinab ins tiefe Tal geschaut - du liebe Zeit, da muss ich hinunter! Nach dem Start jedoch stellte ich fest, dass ich in der Luft weit weniger nervös war als gedacht. Ich hatte jetzt nämlich viel Zeit - über eine Viertelstunde -, um mich auf die Landung einzustellen, und so genoss ich den Flug und schaute nach tief unten und umher. Ich bedauerte, dass die Landewiese näher kam. Der Rest der A-Schein-Schulung bestand nur noch aus solch hohen Flügen. Aufgrund des großen Höhenunterschiedes gab es weniger Flüge pro Tag, als es beim L-Schein war. Für die A-Schein-Schulung braucht es ungefähr doppelt so lange wie für den L-Schein. Die A-Schein-Schulung endet mit einer Prüfung: Starten, Landen, verschiedene Flugfiguren werden bewertet.

Es gibt den Spruch: "Nur Fliegen ist schöner". Da ist etwas dran - auf jeden Fall für mich. Früher hatte ich zwanzig- bis dreißigmal übers Jahr nachts geträumt, ich könne fliegen, indem ich die Arme ausgebreitet habe und durch die Lüfte glitt. Dies träume ich überhaupt nicht mehr - der Traum ist in Erfüllung gegangen, ich muss dies nicht mehr träumen.

Wie ist das denn beim Drachenfliegen. Es gibt dabei eigentlich nur zwei potentiell kritische Phasen; kritisch in dem Sinn, dass man dabei konsequent alles richtig machen muss. Und das ist Starten und Landen. Dabei ist Landen das weit schwierigere, wobei es sehr auf die Windverhältnisse ankommt. Weht der Wind gleichmäßig die leicht geneigte Landewiese herab, so kann eigentlich nichts schief gehen. Andere Windrichtungen und vor allem böiger Wind verlangt echtes Können - aber Übung macht den Meister. Beim Starten wiederum kann man sich einen günstigen Zeitpunkt aussuchen, und wenn der Wind gar nicht passen will, lässt man es eben sein. Aber dazwischen, zwischen Starten und Landen, das ist eigentlich unbeschreiblich. Da gibt es Flüge, da gleitet man ohne Aufwinde sanft einfach so dahin und ist in einer Viertelstunde unten, weil der Drachen ein Eigensinken von ungefähr einem Meter pro Sekunde hat. Der nahe Berg Kandel, von dem ich meist starte, hat 840 Meter Höhenunterschied bis hinunter zum Landeplatz beim hübschen Städtchen Waldkirch im Elztal, also bin ich dann in annähernd 840 Sekunden (eine Viertelstunde) unten - ohne Aufwinde.

Aber meistens gibt es Aufwinde (Thermik, wärmere aufsteigende Luft), und die Kunst ist, diese zu finden und zu nutzen. Wenn die Aufwinde mehr als einen Meter pro Sekunde betragen, dann steigt der Drachen; und so kann man stundenlang fliegen. Mein stärkstes Steigen war einmal 15 Meter pro Sekunde. Das ist sehr selten, 10 Meter gibt's hin und wieder, fünf Meter oft. Wenn der Aufwind gefunden ist und es dann kreisend hoch und höher geht, die Landschaft sichtbar nach unten sinkt, man die Kraft der Aufwinde spürt - man spürt es in den Armen und auch im Bauch -, so ist das ein Erlebnis, das man kaum beschreiben kann, weil es Vergleichbares nicht gibt. Das Besondere beim Drachenfliegen ist die Intensität des Fluggefühls, es ist so unmittelbar wie bei keinem anderen Fluggerät; man steuert mit dem Körper, ganz natürlich, als hätte man eigene Flügel. Wenn ich aus großer Höhe hinabblicke auf Wälder, Wiesen, Straßen, Ortschaften, so kommt mir oft in den Sinn, was für ein Glück ich doch habe, so etwas Schönes erleben zu können. Da könnte ich die vielen anderen, die das nie erleben, bedauern. Und auf dem Weg in den Urlaub im Flugzeug zu sitzen ist damit ganz und gar nicht vergleichbar.

Hoch geht´s sogar ohne Thermik. So kommt es vor, dass bei ganz besonderen (und seltenen) Wind- und Wetterlagen an bestimmten Stellen in der Landschaft eine große, stehende "Luftwelle" sich bildet, in der ein Steigen - und dann ein sehr ruhiges - möglich ist. So hatte ich einmal ein unfassbar, absolut ruhiges Steigen über mehr als 600 Meter. Dabei "stand" ich in der Luft während es ganz gleichmäßig mit ein Meter pro Sekunde nach oben ging - ein traumhaftes Erlebnis.

Besonders schön ist das Fliegen in der sogenannten "Umkehrthermik". Bei gewissen Wetterlagen ergibt es sich, dass in den späten Nachmittag- oder Abendstunden die Thermik sich umkehrt - statt am Berg steigt die Luft im Tal hoch. Da fliegt man dann hoch im Tal in extrem sanft ansteigender Luft - ein himmlisches Gleiten. Und der erfahrene Drachenflieger weiß dann auch: in diesem Fall sind die Landeverhältnisse optimal - also keinerlei Stress beim späteren Landen zu erwarten.

Ganz besonders intensiv ist das Fluggefühl in Verbindung mit Wolken. Manchmal gelingt es, an der Außenseite einer Wolke ein Stück hochzusteigen und an der Wolke entlangzufliegen - ihrer Form mit den Buchten folgend. Und wenn dann der Schatten des eigenen Drachens auf die Wolke fällt und dann noch von einem kreisrunden! Regenbogen umgeben ist, so ist das der absolute Höhepunkt, unvergleichlich, unbeschreiblich. Wenn ich nach so einem schönen Flug gelandet bin, so fühle ich mich high, wie mit Rauschgift - obwohl ich Rauschgift nicht kenne! Eines hat Drachenfliegen auf jeden Fall mit Rauschgift gemein: es macht süchtig. Wenn ich eine Weile nicht geflogen bin, stellen sich gewisse Entzugserscheinungen ein.

Das Drachenfliegen selbst - also außer Starten und Landen - ist überraschend einfach; es hat von den körperlichen Erfordernissen her gewisse Ähnlichkeiten mit dem Fahrradfahren - und das kann ja wohl jeder. Allerdings die mentalen Erfordernisse sind - wie schon angedeutet - von ganz besonderer Art. Man muss in der Luft sich heimisch fühlen - trotzdem Respekt haben. Man braucht einen gewissen Mut - aber nicht Übermut! Man muss in kritischen Situationen in der Lage sein, das Richtige zu tun. Und man muss volles Vertrauen in die Flugeigenschaften des Drachens und in die eigene Flugkunst haben. Wenn ich zum Beispiel von der hohen Startrampe (siehe hier) auf meinem Flugberg ins "Leere" hinausrenne, so weiß ich hundertprozentig: mein Drachen trägt mich. Und wenn ich - bei normalen Wetterverhältnissen - viele Meter Luft unter mir habe (siehe hier), fühle ich mich sicherer, als wenn ich mich mit dem Fahrrad dem Straßenverkehr aussetze. Wirklich! Erst beim Landen wird's dann mehr oder weniger stressig (meist weniger, aber hier zum Beispiel war's sehr stressig und extrem anspruchsvoll).

Laien meinen, der Drachen könne vielleicht abstürzen; das ist - im Gegensatz zur Drachenfliegeranfangszeit - eigentlich nicht möglich. Trotzdem haben wir pflichtgemäß einen Fallschirm dabei; es ist ja nicht total auszuschließen, dass beim Fliegen am Fluggerät irgend etwas reißt oder bricht. Oder überstarke Böen bringen den Drachen anhaltend in einen flugunfähigen Zustand - ist zwar ganz, ganz unwahrscheinlich, zudem sollte man unter solchen Umständen gar nicht gestartet sein! Auch ein Zusammenstoß mit einem anderen Drachen könnte es geben; dann müssen allerdings zwei nicht aufgepasst haben. Aber ohne Fallschirm wäre mein Fluggenuss auf jeden Fall gemindert - die hintergründige Angst, es könne doch etwas passieren. So aber habe ich ja noch meine "zweite Chance", und das beruhigt. Allerdings bei inzwischen über 1600 Flügen mit über 2350 Flugstunden habe ich den Schirm noch nie gebraucht - und werde es wahrscheinlich und hoffentlich auch nie müssen.

Ich teile mein Leben ein - unter anderem - in zwei Abschnitte: vor dem Fliegen und mit dem Fliegen. Kaum mehr als nur jeder zehntausendste Deutsche ist Drachenflieger. Ich weiß nun warum: man muss ein Fliegertyp sein, und das sind sehr wenige - ich bin's.

Nachtrag: Inzwischen hat als Konkurrenz zum Drachenfliegen das Gleitschirmfliegen sehr stark zugenommen, ja das Drachenfliegen zahlmäßig weit, weit überholt und stark zurückgedrängt. Das Gleitschirmfliegen ist nämlich leichter und weniger aufwändig zu erlernen und hat gegenüber dem Drachenfliegen viele Vorteile, wobei das - im krassen Gegensatz zum Drachen - unglaublich einfache Landen gewiss der allergrößte Vorteil ist. Aber Drachenfliegen hat (mindestens) zwei große Vorteile: es ist erstens schöner und zweitens - in der Luft - unbedingt sicherer. Und beides zählt - für mich. (Es gibt inzwischen kaum noch Flugschulen, die überhaupt Drachenschulungen anbieten - sehr schade.)

Weiterer Nachtrag: Ende 2006 hatte ich einen dummen Flugunfall, war aber nach zwei Wochen Krankenhaus bald wieder körperlich fit. Trotzdem habe ich dann mein außergewöhnliches Hobby nicht mehr weiter betrieben - die Fluglust hat sich nicht mehr im nötigen Maße eingestellt, und schließlich war ich schon 66! Das Drachenfliegen möchte ich jedoch in meiner Lebensgeschichte nicht missen - es gehört zu meinem Leben wie eine wunderschöne Reise, von der man lebenslang zehrt.

Manfred Ullrich, Denzlingen